Zum Inhalt springen

Leistungsdruck in der Erfolgsgesellschaft

Es ist kein historischer Zufall, dass der Beginn der Industrialisierung mit der "Erfindung" des Sports vor ca. 200 Jahren in England korrespondiert. Sport kann durchaus als Abbild der modernen Leistungsgesellschaft aufgefasst werden.

In kaum einem anderen gesellschaftlichen Teilsystem ist die Sieg-Niederlage-Codierung so ausgeprägt und damit so wegweisend für die Gesamtgesellschaft wie im Leistungssport. Der Sieg-Niederlage-Code ist die Grundlage sportlichen Handelns, Leistung stellt das Bleibekriterium für die zentralen Akteure im System dar. Nur der Erfolg scheint zu zählen. Damit geht die Gefahr einher, dass dem Erfolg alle Mittel recht sind.

Verändertes Wertesystem

Die in vielen Bereichen zu beobachtende Radikalisierung des Erfolgswillens kann zum Verlust anderer Werte in der Erfolgsgesellschaft führen. Wie in der Wirtschaft, so werden auch im Hochleistungssport dem Streben nach Erfolg immer häufiger die Gesundheit der Athletinnen und Athleten und das Prinzip des Fairplay geopfert. Die kompromisslose Leistungs- und Konkurrenzbereitschaft moderner Gesellschaften hat ihre Entsprechung in dem unbedingten Willen, im Sport zu siegen. Die zunehmende Kommerzialisierung des Sports verstärkt diese Tendenz zusätzlich. Dieser radikalisierte Erfolgswille zeigt sich auch in der Doping-Diskussion: Es liegt eigentlich auf der Hand, dass Fairplay den Verzicht auf Dopingsubstanzen voraussetzt. Gelegentlich wird jedoch argumentiert, dass gerade für Athletinnen und Athleten, die nicht dopen, Chancengleichheit nicht mehr gegeben sei, weil die Konkurrenz in der Regel ungestraft weiter dopen könne.

Grenzüberschreitungen

Ein Merkmal moderner Leistungsgesellschaften ist es, dass natürliche Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit nicht mehr akzeptiert, sondern auf inhumane Weise überschritten werden. Wie im Arbeitsleben werden auch im Leistungssport die handelnden Personen austauschbar, wenn sie keine Top-Ergebnisse (mehr) erzielen. Mit dem Leistungsrückgang ist der Verlust der öffentlichen Wahrnehmung und Anerkennung verbunden. Dieses System erhöht die Bereitschaft, zum Beispiel durch Doping die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit zu überschreiten.

So nimmt im Zuge der Kommerzionalisierung des Sports die Wettkampfhäufigkeit in vielen Sportarten zu: Bundesligen werden ergänzt um Spiele auf europäischer Ebene und um sogenannte „Freundschaftsspiele“, die auch Geld bringen müssen, bis hin zu Pflichtspielen mit der Nationalmannschaft. Ein weiteres Beispiel sind die Golden-League-Meetings der Leichtathletik, bei denen es das große Geld nur für diejenigen gibt, die bei allen Meetings der Serie gestartet sind und gewonnen haben. Die nötigen Erholungsphasen für die Sportlerinnen und Sportler spielen dabei keine Rolle mehr.

Wirksamer Schutz

Um Doping nachhaltig zu verhindern, muss eine politische Debatte darüber einsetzen, wie viel einer offenen modernen Gesellschaft der Hochleistungssport wert ist. Ist man bereit, die personalen und sozialen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, die notwendig sind, um das Gelingen jugendlicher Entwicklung sicherzustellen, eine berufliche Perspektive auch nach dem Ende der aktiven Karriere zu eröffnen und letztendlich auch vor den Gefährdungen und Risiken des Hochleistungssports wie Doping nachhaltig zu schützen?

Jugendliche Athletinnen und Athleten, die im System des Hochleistungssports für den Spitzenwettkampf trainiert werden, haben jenseits aller Systemzwänge ein Recht auf Unversehrtheit und Schutz ihrer persönlichen Entwicklung. Der Schutz Jugendlicher im Hochleistungssport ist eine Querschnittsaufgabe, zu der alle aufgefordert sind - Trainer, Eltern, Schulen, Sportärzte, Verbände und auch die Sportberichterstattung.