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Erwartungen und Niederlagen

Gerade Jugendliche verlieren oft den Mut und das Selbstvertrauen, wenn sie ständig mit unrealistischen Erwartungen an ihre sportliche Leistung konfrontiert werden. Die Trainerin oder der Trainer sollte solchen Einflüssen entgegenwirken. Auch Niederlagen sind unangenehm, erst recht natürlich, wenn ökonomische Zwänge im Spiel sind. Niederlagen gehören aber zum Sport dazu, ohne Verlierer würde es auch keine Sieger geben. Wie können Trainerinnen und Trainer mit Niederlagen angemessen umgehen?

Mit Erwartungen und Niederlagen konstruktiv umgehen

Überzogene Erwartungen, die zum Beispiel von Eltern, vom Freundeskreis oder aus dem Verein heraus an eine Athletin oder einen Athleten herangetragen werden, sind typische Auslöser von sportlichen Krisen. Die eigene persönliche Stärke der Sportlerin oder des Sportlers und damit die Widerstandskraft gegen überhöhte Erwartungen zu fördern, hilft nur bedingt weiter. Die Athletin oder den Athleten dem persönlichen Umfeld zu entziehen, ist in aller Regel weder wünschenswert noch möglich. Es gibt jedoch Möglichkeiten, auf dieses Umfeld dahingehend Einfluss zu nehmen, dass es wieder unterstützend wirken kann.

  • Positive Absicht wahrnehmen

Auch in überzogenen Erwartungen steckt in der Regel eine positive Absicht: Sie zielen meist darauf ab, der oder dem Jugendlichen vorhandene Potenziale aufzuzeigen und ihre oder seine Bemühungen zu unterstützen. Das ist unbedingt anzuerkennen und zu würdigen. Wenn diese Botschaft „angekommen“ ist, gelingt es auch, die Erkenntnis zu vermitteln, dass gut gemeint nicht automatisch gut gemacht ist. Dann kann darüber gesprochen werden, wie auf konstruktivere Weise Unterstützung möglich ist.

  • Vernünftige Bewertungsmaßstäbe wählen

Erwartungen auszusprechen bedeutet, für eine in der Zukunft zu erbringende Leistung einen (Bewertungs-)Maßstab anzulegen. Je nach Maßstab kann die Bewertung der gleichen Leistung sehr unterschiedlich ausfallen: Im Vergleich zur Kreismeisterschaft kann eine Leistung sehr hoch zu bewerten sein, während sie im Vergleich zum Weltrekord schwach erscheint. Auch kann die individuelle Leistung einer Fußballspielerin oder eines Fußballspielers relativ gering sein, dennoch wurden vielleicht gerade mit dieser Leistung der Mannschaft beste Dienste geleistet.

Maßstäbe sind wählbar. Sie sind weder per se richtig noch per se falsch, höchstens im Augenblick passend oder unpassend. Erheblich zu hohe Erwartungen wirken sich belastend aus. Es kann hilfreich sein zu klären, welcher Maßstab bei der Erwartungshaltung eine Rolle spielt. Eltern messen beispielsweise die Leistung ihrer Kinder gern an Idealvorstellungen, die sie selbst nicht erfüllen konnten. Ist diese Frage geklärt, können gemeinsam mit allen Betroffenen Maßstäbe und Erwartungen erarbeitet werden, die den individuellen Potenzialen der Sportlerin oder des Sportlers angemessen sind. Am günstigsten ist es, Erwartungen zu formulieren, die die Athletin oder der Athlet mit Anstrengung erreichen kann, aber ohne Einsatz nicht erreichen wird.

  • Erreichbare Zwischenziele setzen

Manche Erwartungen erhalten dadurch ihre überzogene Wirkung, dass sie in der gegenwärtigen Situationl viel zu hoch sind. Längerfristig, also etwa mit Blick auf die kommenden Jahre, können sie dagegen als Fernziel durchaus passend sein. Die fatale Wirkung entsteht in solchen Fällen durch den als viel zu kurz empfundenen Zeithorizont, durch einen versteckten Mangel an Geduld. Viele aufeinander folgende Zwischenschritte in Form kurzfristig erreichbarer Teilziele als Erwartung zu formulieren und auf die Nennung langfristig orientierter Erwartungen zu verzichten, kann ein Weg sein, Erwartungen konstruktiver zu gestalten – auch aus dem Umfeld heraus. Hilfreich ist es auch, Bewertungsmaßstäbe anzulegen, die nicht nur das Endresultat, sondern auch und vor allem die Entwicklung der Athletin oder des Athleten berücksichtigen.

Schon vor einem Wettkampf lässt sich einiges tun, damit die einzelnen Athletinnen und Athleten gegebenenfalls auch eine Niederlage gut verkraften können:

Eine realistische Zielsetzung mindert übermäßigen Wettkampfdruck und hilft Enttäuschung zu vermeiden. Diese Zielsetzung kann auch im Umfeld, zum Beispiel gegenüber Sponsoren oder der Öffentlichkeit kommuniziert werden. Allerdings ist es zu vermeiden, dass durch eine allzu bescheidene Einschätzung die Motivation der Athletinnen und Athleten beeinträchtigt wird. Auch sollte eine solche Kommunikation nach außen hin nicht den Eindruck erwecken, man wolle mögliche Niederlagen schon vorab entschuldigen.

Wer sich völlig abhängig macht vom Ergebnis eines Wettkampfes, wird im Falle einer Niederlage besonders tief „stürzen“. Deshalb ist es wichtig, im Training nicht ausschließlich auf das einzelne Wettkampfergebnis hinzuarbeiten, sondern stets übergeordnete Maßstäbe wie die langfristige Entwicklung der Athletinnen und Athleten ins Blickfeld zu rücken.

Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, sollten Trainerinnen und Trainer versuchen, das Beste daraus zu machen.

Niederlagen müssen von der Sache her akzeptiert werden. Je nach Sachlage kann das bedeuten zu akzeptieren, dass die gegnerische Mannschaft in diesem Fall besser war oder dass die eigene Mannschaft diesmal schlecht gespielt hat.
Überlegen Sie gemeinsam mit den Athletinnen und Athleten, was aus der Niederlage gelernt , was verändert werden kann.

Vielleicht lässt sich auch gerade aus der Niederlage eine besondere Motivation – etwa im Sinne einer Trotzreaktion – gewinnen. Vor einigen Jahren gab es beispielsweise eine junge Springerin, die sich, obwohl favorisiert, bei den Deutschen Jugendmeisterschaften nicht platzieren und somit nicht für die Junioren-WM qualifizieren konnte. Eigentlich nicht geplant, startete sie eine Woche später bei den Aktiven und nahm an den Olympischen Spielen teil.

Und nicht zu vergessen: Manchmal lassen sich auch menschliche Größe wie besondere Fairness und Ausstrahlung trotz einer Niederlage gut darstellen und „vermarkten“!